Piano
Für den schwedischen Pianisten Joel Lyssarides stehen Substanz und Tiefe stets über großen Konzepten, Emotion und Ausdruck über bloßer Virtuosität. Musikmachen sei für ihn wie die Suche nach Sandkörnern in der Wüste. Ein andauernder Weg vieler kleiner Schritte. Seine Musik lebt von ihren Details: von feinsten Nuancen, von subtilen Verschiebungen in Harmonie, Groove und Dynamik. Und von einem charakteristischen, glasklaren, aber nie scharfen Sound am Piano. Dass Joel Lyssarides‘ Musik inzwischen über 100 Millionen Streams erreicht hat, zeigt: Diese leise Intensität findet weltweit ihr Publikum.
Lyssarides gehört zu jener Generation europäischer Jazzmusiker, die stilistische Grenzen längst hinter sich gelassen haben. Er ist ein gefragter Partner – aktuell an der Seite von Nils Landgren und als Teil des e.s.t.-Tribute-Projekts mit Dan Berglund und Magnus Öström, aber auch als Komponist für Pop-Produktionen oder Musik zu Videospielen. Im Zentrum seines Schaffens steht jedoch weiterhin das Klaviertrio – jene Formation, in der sich sein musikalischer Kosmos am unmittelbarsten entfaltet.
Joel Lyssarides‘ neues Album Late on Earth ist das Ergebnis eines ungewöhnlich langen und intensiven Prozesses. Über mehr als vier Jahre hinweg entwickelte sich die Musik in engem Austausch mit Produzent Andreas Brandis – ein kreativer Dialog, der Lyssarides ermutigte, neue Wege zu gehen. „Es war ein fast schon therapeutisch. Einerseits weiß Andreas, wozu ich musikalisch in der Lage bin, aber ich habe auch eine Menge Zweifel mit ihm geteilt. Am Ende haben wir alles zusammen beschlossen, die Auswahl der Besetzung, das Studio (in diesem Fall das legendäre Bauer Studio), die Songs, die finalen Takes. Das alles hat mir enorm geholfen und ich glaube, ich konnte noch nie auf einer Aufnahme so ehrlich festhalten, wer ich bin und was ich empfinde.“ Und er scherzt: „Zum ersten Mal habe ich auf einem Album auch Stücke in Dur!“
Ein besonders wichtiger Grund für die emotionale Tiefe der Musik war, dass Brandis Lyssarides ermutigte, mehr Risiken einzugehen und seine Vorstellung von Perfektion loszulassen. „Gerade in einer Zeit, in der Musik immer stärker digital poliert oder gleich komplett von K.I. generiert wird, interessierte Andreas vor allem das Gegenteil: das Menschliche. Am Ende sind es oft die kleinen Unvollkommenheiten, die Musik lebendig machen, es geht darum die Suche nach dem, wer Du bist, nach Deinem Sound, Deinem Ausdruck festzuhalten.“
Dabei folgt Joel Lyssarides keiner konzeptionellen Agenda. Seine Musik entsteht aus unmittelbarer Erfahrung. „Ich setze mich ans Klavier, fühle etwas – und spiele, oft stundenlang.“ Viele Stücke auf Late on Earth sind aus solchen Momenten entstanden: aus Schlaflosigkeit, aus Liebe, aus flüchtigen Gedanken oder kleinen Beobachtungen. Und es ist für Lyssarides ein großes Glück, wenn es diese kleinen Momente nach draußen, zu den Hörer*innen schaffen und ihr eigenes Leben entwickeln. Das kann sich auch skurril anfühlen, wie er beschreibt: „Neulich hat mir ein anderer Pianist seine Version eines meiner Stücke geschickt und geschrieben, wieviel es ihm bedeutet. Und ich habe gedacht: Moment, die Nummer habe ich um vier Uhr morgens in meiner Unterwäsche geschrieben.“
Late on Earth ist eine Sammlung aufrichtiger musikalischer Momentaufnahmen – voller Schönheit, manchmal mit rauen Kanten, immer getragen von großer emotionaler Klarheit.
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